Die Gissener Auswannerungsgesellschaft

Haut gedd’s dè zwäde Dääl voo „Edds foahrn merr… Ewwersee“: die Gissener Auswannerungsgesellschafd. On? Wie eas?

Heute präsentieren wir den zweiten Teil unseres Podcasts „Jetzt fahrn wir… Übersee“, Teil 2: Aufbruch in die Freiheit. Von 500, die auszogen, um ihren eigenen Staat zu gründen. Ein Beitrag über die Gießener Auswanderungsgesellschaft und die Emigration aus politischen Gründen. Kommentare willkommen.

Today, we present the second part of the German version of our podcast „Now we go… overseas“: the Gießen Emigration Society. Comments welcome.

Best wishes, alles Gute, alles Gurre,

Pauls Monika

Ausblick. Wie heißen die anderen vier Teile unseres Podcasts „Jetzt fahrn wir… Übersee“ und worum geht es in den einzelnen Beiträgen?  Teil 3: Schiffszwieback und Captain’s Dinner. Wie eine Fünfjährige und ein Siebzehnjähriger aus Hessen in zwei verschiedenen Jahrhunderten ihre erste Seereise erlebt haben. Ein Beitrag über Kapitän Edmund Badenhausen aus Melsungen und Ruth Stern Gasten aus Nieder-Ohmen. Teil 4: Heimat fern der Heimat:  Aus Emigration wird Immigration. Wie Hessinnen und Hessen im 17., 18. und 19. Jahrhundert zur Geschichte der USA mitgeprägt haben. Teil 5: Im Schein der Fackel von Lady Liberty. Ab 1892 müssen sich Einwanderinnen und Einwanderer auf Ellis Island den Fragen der Beamten stellen. Weitere Beiträge über die hessische Immigration in die USA vor allem ab dem späten 19. Jahrhundert, mit Kurzbiografien, Szenen einer zeitgenössischen Reportage des Reisejournalisten Heinrich Lemcke und gesetzlichen Regelungen. Teil 6: Willkommen oder nicht willkommen? Eine bange Frage. Wie die Einwanderungsbestimmungen im Laufe der Zeit verschärft worden sind. Und das Ganze zum Nachlesen: Das deutsche und das englische Manuskript werden von uns veröffentlicht.

Wie dè Weander èmo Ullaub mache deed

Dè Muundoag hodd merr Endesche Sabine geschreawwe, sie hädd èmo è Geschichd oogefangge ewwer dè Weander, der Ullaub gemoachd hadd. Ob ech med demm Eanfall woas oogefangge kennd. On doas huh ech merr nit zwämo saa leasse, nit off Huuchdoidsch on nit off Pladd. Om selwe Doag huh ech offem Wääg voo dè Ärwed heem enn Kabbudschino gedrongge on mech droo gesassd. On hieh kimmdse, die Geschichd, die mir dèzu eangefann eas. Gewidmed easse dè Sabine. On wer wääs, velläichd schbenndse dè Foare enn Doag äifach wäirer.

Am Montag hat Sabine mir geschrieben, dass sie mal eine Geschichte angefangen hat über den Winter, der Urlaub gemacht hat. Ob ich mit der Idee etwas anfangen könnte. Und das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen, nicht auf Hochdeutsch und nicht im Dialekt. Am selben Tag hab ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause einen Cappuccino getrunken und mich dran gesetzt. Und hier kommt sie, die Geschichte, die mir dazu eingefallen ist. Gewidmet ist die Sabine. Und wer weiß, vielleicht spinnt sie den Faden eines Tages einfach weiter.

On Monday, Sabine wrote me a mail that she had once begun a story about the winter on holidays. If I could write a fairy tale inspired by that. And I didn’t need to be told twice, neither in High German nor in dialect. The same day, I drank a cappuccino on my way home from work and started writing. And here it is, the story that came to my mind. It is dedicated to Sabine. And who knows, maybe she is writing a follow-up one day.

Die Melodie eas frai nooch „Winter ade“, die Melodie ist frei nach „Winter ade“, it is a coversong on „Winter, good bye“, an old children’s song. Die Stille am Ende der Aufnahme könnt Ihr mit Erinnerungen an den Winter füllen.

Best wishes, alles Gurre, alles Gute,

Pauls Monika

È poar Woadde:

Joahr – Jahr, year. Weander – Winter, winter. Friehling – Frühling, spring. Sommer – Sommer, summer. Hirbsd – Herbst, autumn. Die Holl – Frau Holle, the Holl from a fairy tale of the brothers Grimm and from ancient legends, the one who lets it snow.  Bedder – Betten, beds. Ullaub – Urlaub, holidays. Schaffe wie enn Oss – schuften wie ein Ochse, to work very hard, like an ox. Duh derr langsam – mach langsam, take your time. Es jeechd dech doch käis – es jagt dich doch niemand, nobody is hunting you. Ärwenn fier zwä – arbeiten für zwei, work as much as two people. Bai Zaire – bei Zeiten, in time.  Niddemo Aisplomme winn sè noch huh – nicht einmal Eisblumen wollen sie noch, they don’t even want iceflowers any more. Doa mächd die Ärwed goar kenn Schbass mieh – da macht die Arbeit gar keinen Spaß mehr, work isn’t fun any more. Ewwerschdonne – Überstunden, overhours. Ech kann’s nit mieh med oogesäih – ich kann’s nicht mehr mit ansehen, I can’t stand to witness that anymore. Laangk gudd – lange gut, meint: gut genug, good enough. Ziehbiaschd – Zahnbürste, tooth brush. Die Weald gidd nit gläich inner, wann du oachd Doag Ullaub mächsd – die Welt geht nicht gleich unter, wenn du eine Woche Urlaub machst, the world will not be in ruins if you go on holidays for a week. Wolgge – Wolken, clouds. Schnie – Schnee, snow. Reeche/Raa – Regen, rain. Rheen – Rhön, Rhön mountains. Schie, dess dè dech aach èmo blegge leassd – schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt, long time no see.

Ach joa, on ech huh aach noch è huuchdoidsch Gedichd ewwer dè Weander geschreawwe – wu ech schuh mo droo woar.

Hinter Winter
war der
Herbst
oder war der
vor dem
Winter?
Frühling sagt:
Was du schon
färbst –
meine Farben
lieben
Kinder!

 

Es Muhbleedche on dè Rungge

Ean insè Familje kaand merr käis, awwer es gobb welche: Muhbleedche sai dinne Schdegger Bruud. On es Geechedääl voo emm Rungge. Äi Schdegg ewwern Lääb, doas woar fier è Keand gaans schie woas sè käwenn. Awwer leassd’s ouch verzehn. Woas fier è Märche voo dè Brirrer Grimm dudd dissmo dreanschdegge? On wer eas sosd noch gemeend?

In unserer Familie kannte man keins, aber es gab welche: Muhbleedche (Dialekt) sind dünne Scheiben Brot. Und das Gegenteil eines Rungge, einer dicken Scheibe. Ein Stück Brot übern Laib, das war für ein Kind ganz schön was zu kauen. Aber lasst es euch erzählen. Welches Märchen der Brüder Grimm steckt dieses Mal drin? Und wer ist sonst noch gemeint?

In our family we did not use the word Muhbleedche, the dialect word for a thin slice of bread. It is the opposite of a Rungge, a thick slice. Such a slice meant a lot of chewing to a child. But listen to the story. Which fairy tale of the brothers Grimm is included this time? And who else could be meant?

Das Lied ist improvisiert, der Text auch. The song is an improvisation, the lyrics as well. Es Lied eas merr eangefann, wie ech’s geschbield huh.

Alles Gurre, alles Gute, all the best

Pauls Monika

E poar Vokabeln:

Die eenzich Dochder voo faine Loid – die einzige Tochter von armen Leuten, the only daughter of people that were a bit better. Aald Schaisel – Schimpfwort für Frauen, mocking word for women. Gowwel med dè verbochene Zingge – Gabel mit den verbogenen Zinken, fork with deformed teeth. Auer fearchderlech Dommhääd – unsere fürchterliche Dummheit, our horrible dumbness. Wolld naut merrer sè duh huh – wollte nichts mit ihr zu tun haben, did not want to have contact with her. Geflaand – geweint, cried. Gerunggeld on gesirweld – es wurden große Stücke abgeschnitten, abgesäbelt, big slices were cut. Degg – dick, fat. Wann dè zugenomme hosd, säisde schdärger worrn – wenn du zugenommen hattest, warst du stärker geworden (dick war stark), if you had gained weight, people said that you have become stronger (fat). Fai Verwaandschafd – feine Verwandtschaft, noble relatives. Schubbkasde – Schublade, drawer. Dois – draußen, outside. Die Bach – der Bach, the little river. Wiss – Wiese, meadow. Gesäi – gesehen, seen. On wann sè nit innergangge sai – und wenn sie nicht untergegangen sind, and if they did not sink.

Dè Abbelkroddse

Es Märche, doas ech Ouch haut verzehn well, eas drai Mannsloid gewidmed: memm Gruusonggel, Schelde Willem,  der eam Obst- on Goaddebauveräi woar, emm Egon Brückner, der noochem Krigg ean Owenglie naue Woazzenn geschloo, die Äbbelbeem ean saim Goadde geheechd on geproffd on è Buch („Mein Leben“,  mai Läwe) heannerläasse hodd, onnem Adrian Diel, emm Dogder, der 1756 ean Gloarebach geburn woar on 1839 ean Diez oo dè Lahn geschdorwe eas – wu joa viel schbeerer die Johanna Lamm („Das Türchen“, es Dierche, häsdes Buch voo ihrer Dochder Ruth Stern Glass Earnest) voo Owenglie heangefraid hadd. Dè Diel hadd die Äbbelkunde erfonne. On hadd aach è poar Beannbeem, aach wann’s ean memm Gedichd, frai nooch Fondane, annerschd klingge dudd. Kinsdleresch Fraihääd.

Das Märchen, das ich Euch heute erzählen will, ist drei Männern  gewidmet: meinem Großonkel Wilhelm Scheld, der im Obst- und Gartenbauverein war, Egon Brückner, der nach dem Krieg in Ober-Gleen neue Wurzeln geschlagen, die Apfelbäume in seinem Garten gehegt und gepfropft und auch ein Buch („Mein Leben“) hinterlassen hat, und Adrian Diel, einem Arzt, der 1756 in Gladenbach geboren war und  1839 in Diez an der Lahn gestorben ist- wohin ja viel später Johanna Lamm („Das Türchen“ heißt das Buch ihrer Tochter Ruth Stern Glass Earnest) aus Ober-Gleen geheiratet hatte. Diel hat die Apfelkunde, die Pomologie, gegründet. Und er hatte auch ein paar Birnbäume in seinem Garten, auch wenn es in meinem Gedicht, frei nach Fontane, anders klingen mag. Künstlerische Freiheit.

The fairy tale that I want to tell you today, is dedicated to three men: to my greatuncle, Wilhelm Scheld, who had been in the association of garden and fruit cultivators, Egon Brückner who set new roots in Ober-Gleen after the war, took care of his apple trees in his garden and who wrote a book about his life („Mein Leben“ ), and Adrian Diel, a physician, born in Gladenbach in 1756, died in 1839 in Diez upon the Lahn  where Johanna Lamm (her daughter’s autobiographie is titled „The Gate“) from Ober-Gleen had lived after her marriage, much later. Diel has founded the science of pomology. And he had some pear trees in his garden, as well, though it sounds a bit different in my poem, inspired by Fontane. The freedom of art.

The song is to the melody of „Whisky in the Jar“. Das Lied habe ich zur Melodie von „Whisky in the Jar“ geschrieben. Es Lied eas off die Melodie voo „Whisky in the Jar“.

È poar Woadde:

Aale Soadde – alte Sorten, old kind of apples. Obabbe – festkleben, to clue. Keann – Kinder, children. Olangge – anfassen, to touch. Käi Uhrn – keine Ohren, no ears. Schirrenn – schütteln, to shake. Riddenn – rütteln, shake hard. Enn Baan immache – einen Baum fällen, to timber. Fann läasse – fallen lassen, to let oneself drop. Woas Besonnesch – etwas Besonderes, something special. Doas muss merr prowierd huh – das muss man probiert haben, you should taste that. Porr – Pfarrer, priest. Kemm hodd’s geschmoachd – keinem hat es geschmeckt, nobody liked it. Ims Verbladdse nit – ums Verplatzen nicht, no way. Wie doas schmägge dudd – wie das schmeckt, how that tastes. Hodd’s derr die Schbroach verschloo – hat es dir die Sprache verschlagen? Did it make you speechless? Edds scheggdsemm – jetzt reicht es ihm, now he has enough. Ruud olaafe – rot anlaufen, to blush. Du kläiner Kroddse – Schimpfwort für ein unartiges Kind (wörtlich: Du kleines Apfelkerngehäuse), mocking word for a child that doesn’t obey. È gaans anner Enn – ein ganz anderes Ende, a completely different end.