Die Kaffiemehl

Ean dè Kaffiemehl voo menne Alsfeller Omma huh merr Saand gemoahn, wie merr Keann woarn. Doas woar è Schbiel. Haut sai sou Mehn werre ean Moore. On hieh easses Märche dèzu.

In der Kaffeemühle meiner Alsfelder Oma haben wir Sand gemahlen, als wir Kinder waren. Das war ein Spiel. Heute sind solche Mühlen wieder in Mode. Und hier ist das Märchen dazu.

In the coffeemill of my grandma from Alsfeld we have grinded sand when we were kids. This has been a game. Today, such mills are in fashion again. And this is the fairy tale about it.

Die Mussigk om Oofangk eas Klassigk: dè Kaffiekanon voom Moodsadd. Die Musik dazu ist Klassik: der Kaffeekanon von Wolfgang Amadeus Mozart.

È poar Woadde:

Mehl – Mühle, mill. Mehn – Mühlen, mills. Mähl – Mehl, flour. Moahn – mahlen, grind. Moan – malen, paint. Meller – Müller, miller. Mell – mild, mild. Auer – euer, your (plural). Auer – Uhr, clock. Auernkasde – Uhrenkasten, part  of a big clock.

Es Preannsess-che Widdèwidd

Zwu hessische Preansessinne sai 1918 ean Russlaand ean dè Novemberrewwoludsjon imgebroachd woarn: die Alix, die lessd Zarin, on ihr Schwesder Elisabeth, die Gruusfiaschdin on Äbdissin woar.  Doas kennder ean „Himmel un Hell“ noochgèläse. Aach, woas doas memm Schloss Romrod sè duh hodd. Bai Hofe woadd  friejer geann Franzeesisch geschwassd, wie 1807 ean Kassel, wu dè Napoleon sain jingsde Brurrer, dè Jérôme, zem Keenich voo dem naue Keenichräich Westfaan gemoachd hadd. „Moje werre lusdich“, soll der nooch Fesde gesääd huh – merr Doidsch konnder nit, Kasselaaner Pladd iaschd rächd nit. On schuh harrer enn Udsnoome: Keenich Lusdich. Woas doas all med demm Märche hieh sè duh hodd? Nit viel oder goar naut.  Hirrd’s ouch äifach oo. Es Preannsess-che deed ruffe: Vite! Vite!

Zwei hessische Prinzessinnen sind 1918 in Russland während der Novemberrevolution umgebracht worden: Alix, die letzte Zarin, und ihre Schwester Elisabeth, die Großfürstin und Äbtissin war. Das könnt ihr in „Himmel un Hell“ nachlesen. Auch, was das mit dem Schloss Romrod zu tun hat. Bei Hofe wurde früher gern Französisch gesprochen, wie 1807 in Kassel, wo Napoleon seinen jüngsten Bruder, Jérôme, zum König des neuen Königreiches Westfalen gemacht hatte. „Morgen wieder lustig“, soll der nach Festen gesagt haben – mehr Deutsch konnte er nicht, Kasseler Dialekt erst recht nicht. Und schon hatte er einen Spitznamen: König Lustig. Was das alles mit dem Märchen hier zu tun hat? Nicht viel oder gar nichts. Hört’s euch einfach an. Das Prinzesschen würde rufen: Vite! Vite!

Two princesses from Hesse have been killed during the November Revolution 1918 in Russia: Alix, the last empress of Russia, and her sister Elisabeth, the grandduchess. See „Himmel un Hell“ where the castle of Romrod is also mentioned in this special context. French was one of the languages spoken at court, like 1807 in Kassel where Napoleon had installed his youngest brother, Jérôme, as king of the new kingdom Westphalia. „Morgen wieder lustig“ (tomorrow again funny) he used to say after festivities – that’s all the German he spoke, and he did not speak the dialect of Kassel, for sure. His nickname was King Lustig therefore. You want to know if there is a connection to this fairy tale? Not much of a connection, I guess. Just listen to it. The princess would shout: Vite! Vite!

The music – is French and revolutionary: bits of the Marseillaise.

È poar Woadde

Widd, widd – vite vite (französisch: schnell, schnell), hurry up. Wiedèwidd – wie du willst, as you wish. Voo dè Moijend bes schbäd ean die Noachd – vom Morgen bis spät in die Nacht, from morning till night. Prondo – pronto (italienisch: los!), hurry up. Es konnder nit schweann genungk gieh – es konnte ihr nicht schnell genug gehen, it couldn’t be fast enough for her. Schdowwe – Stuben, rooms. Einzahl: Schdobb. Krisch sè – schrie sie, she screamed. Woas widde mache? Was willst du machen? What do you want to do about it? Goar naut, särer nommo – gar nichts, sagte er noch mal. Nothing, he said again. Noff on nobb – rauf und runter, up and down. Ob mir aach Winsche huh – ob wir auch Wünsche haben, if we also have wishes. Joachd – Jagd/Hektik, stress. Maddekùche – Käsekuchen, cheesecake. Kondidder – Konditor. Ech huh’s lessde Schdigg nit gäasse, nur die lessde Krimmel – ich habe das letzte Stück nicht gegessen, nur die letzten Krümel. I did not eat the last piece, only the last crumbs. Sou laangk haddse nonnie äis woadde leasse – so lange hatte sie noch niemand warten lassen, nobody had ever let her wait so long. Wu -wo, where. Woas – was, what.

Fier Elfriede

Für Elfriede (1925-2024)

Im Sturm die Ruhe

im Schmerz die Stille,

im Leben die Fülle,

im Wind eine Sonne,

im Regen ein Bogen,

im Dunkel ein Licht.

Ein Name, ein Omen,

ein Lächeln, ein Blick:

A Mensch zu sein –

braucht Mut und birgt Glück.

—————————————–Mir sai fruh, dess merrsche gekaand huh. On daangkboar, desses Mensche gedd off dere Weald, die es Heazz om rächde Flegg huh on hannen, wann annern nur oo sech dengge.

Wir sind froh, dass wir sie gekannt haben. Und dankbar, dass es Menschen gibt auf dieser Welt, die das Herz am rechten Fleck haben und handeln, wenn andere nur an sich denken.

We are happy to have known her and grateful that there are human beings on this planet who have a big heart and act when others are selfish.

Dangge. Danke. Thank you so much.

 

VHerSe zèm VHS-Geboaddsdoag: E Dschällensch!

Dè Sonnowed (29. Juni) faierd die VHS Vochelsberch ihrn foffzechsde Geboaddsdoag nooch. On es gedd nit nur mai Märche voo enner, die sech fiachde deed, desses Weasse ausgieh kennd, off Doidsch on Pladd hieh eam Blog sè hirrn- on eam Bùchhannel sè kääfe. Näi, es gedd aach è Gedichd, è kläi Schdändche! Doas gidd è bes-che sou wie dè Oofangk voo em Lied, doas enner gesungge hodd, der èmo med saim Dschiep bai dè Wullercher vèbai gefoahrn eas: wie „Falling in Love With You“ voom Elvis. Doas woar noch, bevier die VHS gegrind eas woarn.

Wer mächd noch è poar Verse off die VHS? Ob off Doidsch, Pladd oder Englisch: Fier jeeren Vers, den ech geschùchd krie oder der hieh ean die Kommendare geschreawwe weadd, schräib ech enn naue. Doas eas die – naudoidsch – Dschällensch. Wann sech’s nit raime dudd – aach gudd!

Diesen Samstag, 29. Juni, feiert die VHS Vogelsberg ihren fünfzigsten Geburtstag nach. Und es gibt nicht nur mein Märchen von einer, die sich fürchtete, dass das Wissen ausgehen könnte, im Dialekt und auf Hochdeutsch hier im Blog zu hören – und  im Buchhandel zu kaufen. Nein, es gibt auch ein Gedicht und ein kleines Ständchen. Das geht ein klein bisschen so wie der Anfang eines Liedes, das einer gesungen hat, der mal mit seinem Jeep durch Heimertshausen gefahren ist: wie „Falling in Love With You“ von Elvis. Das war noch, bevor die VHS gegründet worden ist. Wer schreibt noch ein paar Verse auf die VHS? Ob auf Deutsch, im Dialekt oder auf Englisch: Für jeden Vers, den ich geschickt bekomme oder der hier ins Kommentarfeld geschrieben wird, schreibe ich einen neuen. Das ist die – neudeutsche – Challenge. Wenn sich’s nicht reimt – auch gut!

On Saturday, June 29, the VHS Vogelsberg is celebrating its 50th anniversary. And here, in this blog, you can listen to my fairy tale about the one who was afraid that there wasn’t enough knowledge in this world. But there is also a little song. It is inspired a little bit by the beginning of a song that was sung by someone who had once driven his jeep through Heimertshausen: „Falling in Love With You“ by Elvis. This was before the VHS was founded. Who adds some lyrics in German, dialect or English? For each lines send to me or put into the comments, I will write another stanza. That’s the challenge. If it doesn’t rhyme – so what!

Happy birthday, VHS VB! Alles Gurre zum Geboaddsdoag, VHS VB!

Alles Gute zum Geburtstag, VHS VB!

Pauls Monika

 

On sou gidd doas Lied:

 

Glääb doch nit, du kreegsd naut mieh med…

Woas ech nit wääs, leann ech bai dè VHS!

Doidsch eas schwier, on dè Kobb voll lier…

Doch kimmd’s zèm Test, märgsde iaschd, woas dè all wääsd!

Eam Vochelsberch mächd dech kenner kwerch…

On säisdes mo, dann meld dech zèm Yoga oo!

Schwadds mo fremd, on shirt häsd Hemb…

Versich’s èmo. Pladd schwaddsdè joa souwieso!

Glääb doch nit, du kreegsd naut mieh med…

Woas ech nit wääs, leann ech bai dè VHS!


Das war das Ständchen, als Gedicht gesprochen, instrumental umrahmt mit etwas Melodie, gespielt auf meiner neuen Walnuss-Sopran-Ukulele aus Kitzingen. Und hier kommt die wörtliche hochdeutsche Übersetzung, die sich naddierlech nicht reimt:

Glaub doch nicht, du bekämst nichts mehr mit…

Was ich nicht weiß, lern ich bei der VHS!

Im Vogelsberg bringt dich niemand durcheinander…

Und bist du’s mal, dann meld dich mal zum Yoga an!

Deutsch ist schwer, und der Kopf voll leer…

Doch kommt’s zum Test, merkst du erst, was du alles weißt!

Sprich doch mal fremd. Und shirt heißt Hemd…

Versuch’s einmal. Mundart sprichst du ja sowieso!

Glaub doch nicht, du bekämst nichts mehr mit…

Was ich nicht weiß, lern ich bei der VHS!

On edds said ihr droo. Und jetzt seid Ihr dran. Your turn.

VHerSE!

 

Die zwellef Elfe on die Schwoaddswoaddsel

Woas mächd merr, wann merr enn  dalendierde Mussigger zèm Noochberr hodd? È Märche, ean dem Mussigkinsdrumende vierkomme, awwer aanoch Yoga, wailer aach Yoga mächd. On feaddech eas die Geschichd voo dè zwellef Elfe on dè Schwoaddswoaddsel – oder doch ächendlech iaschd, wann heh è bess-che Mussigk dèbai gedoh hodd. Woadde merrsch ob!

Was macht man, wenn man einen talentierten Musiker als Nachbarn hat? Ein Märchen, in dem Musikinstrumente vorkommen, aber auch Yoga, weil er auch noch Yoga macht. Und fertig ist die Geschichte von den zwölf Elfen und der Schwarzwurzel – oder doch eigentlich erst, sobald er ein bisschen Musik beigesteuert hat. Warten wir’s ab!

What do you do if you’ve got a neighbour who’s a talented musician? A fairy tale with musical instruments, but also with yoga, as he is also practising that. And  the story about the twelve little elves and the salsify is ready- or, let’s say, it will be as soon as he has added a bit of music. Let’s wait for it!

È poar Woadde:

Soldoare – Soldaten, soldiers. Härresenn eans Loch geschdobbd – hätten sie ihn ins Loch geworfen, they would have put him in jail. Kaande – kannten, knew. Verschdeggen – verstecken, hide. Vichel – Vögel, birds. Heh sassd sich – er setzte sich, he sat down. Fleed – Flöte, flute. Geschonn – gescholten, scold.   Iewe – üben, train. Baam – Baum, tree. Fuchdich – wütend, angry. Simmelieren – nachdenken, think. Donggel – dunkel, dark. Äi Bäi – ein Bein, one leg. Nerschel – Kopf, head. Nit waggenn – nicht wackeln, don’t wobble. Teen – Töne, tunes. Enn schebbe Ton winn merr derr nochsäih – einen schiefen Ton wollen wir dir nachsehen, we will forgive you one wrong tune. Oo err siche – sie suchen (wörtlich: an ihr suchen), look for her. Wie merr doas Deangk haan dudd – wie man das Ding hält, how to hold this thing. Boarwess – barfuss, with bare feet. Keadds – Kerze, candle. Kadds – Katze, cat. On deed die Sonn griese – und grüßte die Sonne, and did greet the sun. Oadme nit vègäasse – Atmen nicht vergessen, don’t forget to breathe.

Eam Sonnelaand

Vier Joahrzehnde hodd merr Keann noch elläi ean Kur geschùchd. Haut gedd’s Bicher drewwer. Ech huh è Lied geschreawwe – ewwersch Sonnelaand. „Zum sonnigen Landl“ hiss das Haus eam Allgoi, wu ech woar, on annern vier on nooch merr. Ech woar oachd. On seggs Woche worrn laangk uhne Dellefoon on Bèsuch voo deheem. Maggelech sai ech doa aanit worrn, sonnern huh obgenomme, aach wann sè ins gemäsd huh. Heemwieh hodd ins offgefräasse. Eam Sonnelaand.

Vor Jahrzehnten hat man Kinder noch allein in Kur geschickt. Heute gibt es Bücher darüber. Ich habe ein Lied geschrieben – übers Sonnenland. „Zum sonnigen Landl“ hieß das Haus im Allgäu, wo ich war, und andere vor und nach mir. Ich war acht. Und sechs Wochen waren lang ohne Telefon und Besuch von daheim. Fett bin ich da auch nicht geworden, sondern habe abgenommen, obwohl sie uns gemästet haben. Heimweh hat uns aufgefressen. Im Sonnenland.

In the Seventies, kids have been sent into rehab centers. Today you can read books about that. I have written a song about the land of the sun. „Zum sonnigen Landl“ was the name of the house in Bavaria I had been in, and others before and after me. I have been eight. And six weeks have been long without phone and visitors from home. I did not become fat, but lost weight, though they fed us and fed us and fed us. Homesickness has eaten us up. In the land of the sun.

Best wishes, alles Gute, alles Gurre,

Pauls Monika

È poar Woadde:

Keannsammler – Kindersammler, those who collected children. Ewwer Laand – über Land, throughout the country. Gedd ins auer Keann – gebt uns eure Kinder, give us your children. Bai ins huhsès gudd – bei uns haven sie es gut, they will be treated well by us. Alles imsosd! – Alles umsonst! For free! Doas zoahld die Kass – das zahlt die Krankenkasse, the health insurance will cover that. Barriern – parieren, obey. Daande – Tanten, aunts. Asseses nit – aßen sie es nicht, if they did not eat it. Riehrn – rühren, move. Maggelech – dick, fat. Oo dè Keann selwer loggenn naut – an den Kindern selbst lag ihnen nichts, they did not care about the children. Wie gidd’s ouch dann? Wie geht es euch denn? How are you? Foaddlaafe – weglaufen, run away. Hobbch – Habicht, big bird.  Die Keann huh sech gefiachd – die Kinder haben sich gefürchtet, the children were scared. Dè Board deerenn zerrenn wie è Lämmerschwänns-che – das Kinn zitterte (ihnen) wie ein Lämmerschwänzchen. Nit gelaire – nicht leiden, didn’t like. Schwoaddse Schdeann – schwarze Sterne, black stars. Damme – Daumen, thumbs. Dai Ellern weaschde goar nit mieh kenn – deine Eltern wirst du gar nicht mehr (er)kennen, you will not recognize your parents. Dess du nur werre doa säisd – dass du nur wieder da bist, that you are back.

Das Lied ist ein Original, hier der Text im Dialekt:

Eam Sonnelaand

Eam Sonnelaand, doa woarn merr Keann.

Eans Sonnelaand, doa mussde hean,

zèm Mäsde, zèm Maggelechwerrn.

Eam Sonnelaand sogg merr doas geann.

Eam Sonnelaand woar ech elläi.

Eam Sonnelaand, on noch sou kläi.

Eam Sonnelaand gobb’s schwoaddse Schdenn,

eam Sonnelaand hadd dech käis geann.

Es Sonnelaand woar sou wääd foadd,

es Sonnelaand woar goar kenn Oadd.

Es Sonnelaand, doas gedd’s nit mieh.

Eam Sonnelaand, doa woar’s nit schieh.

 

Dè Heggdigger

Alsèmo muss merr sech Zaid nomme, wann  merr ächendlech käi hadd. Dè Suse Oddo eas nit äifach wärer gefoahrn, sonnern hodd alsèmo dè Bulldogg ausgemoachd, wann emm äis eam Doaf ewwern Wäg gelaafe eas, on hodd è poar Minude geschwassd. Doa hodd sech dè Bilsegässesch Bernd droo erinnerd, wie merr Offnoahme gemoachd huh. Enn schiene Zuuch, meend heh.

Manchmal musst du dir Zeit nehmen, wenn du eigentlich keine hast. Otto Kirchner ist nicht einfach weitergefahren, sondern hat manchmal den Trecker abgestellt, wenn ihm jemand im Dorf über den Weg gelaufen ist, und hat sich ein paar Minuten unterhalten. Daran hat sich Bernd Schneider erinnert, als wir Aufnahmen gemacht haben. Ein schöner Zug, fand er.

Sometimes, you have to take your time when you have no time, really. There was a man in Ober-Gleen who did not just drive by if he met someone in the village, but stopped his tractor to chat for some minutes. One of our timewitnesses talked about this when we made audios. He had appreciated this attitude very much.

Alles Gurre, alles Gute, all the best,

Pauls Monika

P.S.: In das Märchen habe ich eine Strophe aus dem Lied über den brennenden Heuwagen eingefügt, das Endesche Kall gewidmet war, dem Schwager von Suse Oddo. Er hatte es einmal sehr eilig, mit der Ernte vorm Gewitter nach Hause zu kommen. Beinahe etwas zu eilig… Aber das ist eine andere Geschichte.

È poar Woadde:

Heggdigger – Hektiker, someone who is always in a hurry. Leassenn voo Loisel gewäse sai – lass ihn aus Leusel gewesen sein, let him have been from Leusel near Alsfeld. Auer – Uhr, clock. Med dè Aache ronn – mit den Augen rollen, to roll the eyeballs. Oogehaan – angehalten, made him stop. E Gesichd gemoachd wie sewwe Doag Räjewerrer – ein Gesicht gemacht wie sieben Tage Regenwetter, he made a face like seven rainy days. Aacheblegg – Augenblick, moment. Schwoare – Schatten, shadow. Oder wu sè sosd hier woar – oder wo sie sonst her war, whereever she was from. Woas mächsd du dann schuh hieh – was machst du denn schon hier, how come you’re here already. Doas woar schuh laangk hier – das war schon lange her, it’s been a long time. Mir misse heem – wir müssen heim, we have to go home. Ech komm nooch – ich komm nach, I will follow. Frieh genungk – früh genug, early enough. Gisse – Gießen. Geschuchd – geschickt, send. Auf, mir winn foadd – auf, wir wollen weg, let’s go! Hannoversch-Minne – Hannoversch-Münden. Reff – Reff (eine Art Rechen, der an die Sense gehört – und beim Heumachen nicht gebraucht wird). Duh derr langsam – mach langsam, slow down. Sinnich – vernünftig, ruhig, carefully.

 

 

Von Schdaddmussikaande und Stadtmusikanten

Es war und ist immer wieder… mittwochs Märchentag in meinem Blog Owenglie. Und jetzt nach einer kurzen, urlaubsbedingten Pause wieder. Wegen der Nachfrage nach den Manuskripten sind die Erzählungen außerdem seit Kurzem in zwei Taschenbüchern nachzulesen, und zwar sowohl im oberhessischen Original als auch in der hochdeutschen Übersetzung. Unser gemeinnütziger Geschichtsverein Lastoria hat auf je 248 Seiten Märchen und wahre Geschichten veröffentlicht, die seit 2023 hier im Blog zu hören sind: “Es woar èmo” und “Es war einmal”.

Guggema! Märchen und wahre Geschichten aus Hessen: das oberhessische Original in der Mundart und die Übersetzung.
Copyright: Lastoria e.V.

„Es war einmal eine Mundart, die war in Oberhessen deheem“, beginnt der Klappentext der Mundartfassung. „Irgendwann aber hörten die Leute auf, die Untertasse Bleedche und die Hakenleiste Krabbeläisd zu nennen. Immer weniger Eltern erzählten Kindern Geschichten, in denen ein Ruudkäbbche oder sewwe Roawe vorkamen.“ Beim Schreiben habe ich mich von den Grimms und Andersen inspirieren lassen, aber auch vom Oral-History-Projekt unseres Vereins, das 2020 mit der Auszeichnung „Vogelsberg Original“ bedacht worden ist, von aktuellen Ereignissen und Biografien.

All, die den Blog hie kenn, weasse nur sè gudd: Die erwachsenen-, jugend- und kindgerechten Geschichten sollen Lust auf den Dialekt machen und enthalten viel Wissenswertes über Hessen. Mal überwiegt der Ernst, häufiger aber der Humor, den wir gerade dann brauchen, wenn es ernst wird. Für mich war es nach den umfangreichen Recherchen der vergangenen zwölf Jahre und den zahlreichen Sachbüchern und Mundartliedern eine echte Abwechslung: Ich durfte meiner Fantasie freien Lauf lassen, auch musikalisch. On doas hodd Schbass gemoachd! Das gilt besonders für die Zusammenarbeit in unserem durchweg ehrenamtlichen Team: für die Buchgestaltung von Wolfgang Rulfs, Delmenhorst, die Mundartkorrekturen von Sabine Kirchner, Ober-Gleen, und die hochdeutschen von Justus Randt und Regina Dietzold, Bremen.

Geschrieben sind die Urfassungen im Owengliejer Pladd, der Mundart meines Heimatdorfes Ober-Gleen. Aber auch die hochdeutsche Übersetzung führt die Leserinnen und Leser quer durch den Vogelsberg und über Mittelhessen hinaus. Erwähnt werden unter anderem Ober-Gleen, Kirtorf, Arnshain, Wahlen, Maulbach, Appenrod, Dannenrod, Angenrod, Alsfeld, Lauterbach, Marburg, Gießen, Wetzlar, der Ebsdorfer Grund, Melsungen, Freienseen, Niederklein, Kassel, Rainrod, Wallenrod, Frankfurt am Main, Gladenbach, Diez an der Lahn und Darmstadt. Manche Orte, die ich nenne, haben einen Bezug zur Handlung, andere nicht. Ob sich jemand auf eine Geschichte einlässt, hängt ja nicht allein davon ab, wo sie spielt, aber es kann ein Anreiz sein. Nicht zu vergessen: In Hessen wird intensiv mit Märchen geworben. In vielen Ländern ein Welt sind sie ein wichtiges Stück der Erzählkultur, nicht zuletzt, weil sie Generationen verbinden. Und in hessischer Mundart werden selbst moderne Märchen urhessisch.

Einzelne Geschichten sind Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus den Projekten des Vereins gewidmet oder Menschen wie Kapitän Edmund Badenhausen aus Melsungen, Schmetterlingsfachmann Alfred Westenberger aus dem Taunus, Elsa Eislöffel aus Offenbach („Doas oarme Keand„/“Das arme Kind“), die in Hadamar ermordet wurde,  oder der Familie Roth aus Lauterbach („Ruuds Käddche on die Welf„/“Käthe Roth und die Wölfe“), die jüdischen Freunden und Bekannten in der Nazizeit geholfen hat. Das Märchen von einer, die sich fürchtete, dass das Wissen ausgehen könnte („Voo enner, die sech fiachde deed, desses Weasse ausgieh kennd„), ist zum 50. Geburtstag der Volkshochschule Vogelsberg entstanden. Auch die verhinderte Verkehrswende, die Natur, kulinarische Spezialitäten, traditionsreiche Berufe und Ortsuznamen, Krieg und Frieden, Liebe und Lügen, die Armut und die Sozialrevolution des 19. Jahrhunderts, Auswanderung und Einwanderung finden sich in den Märchen wieder. Und natürlich dürfen weder die Bremer Schdaddmussikaande noch die Bremer Stadtmusikanten fehlen.

Bebildert ist der Mundartband mit Fotos aus meinem Familienalbum, einem Porträt von Elfriede Roth aus Lauterbach und einem Foto von Elsa Eislöffel aus dem Archiv der Nieder-Ramstädter Diakonie. In der übersetzten Ausgabe sind sechs der nach der letzten Ausstellung in Oberhessen verschollenen Gemälde des aus Ober-Gleen stammenden Künstlers Bernhard Wald alias Faldon veröffentlicht. Es wäre ein kleines Wunder, wenn sie nach all den Jahren wieder auftauchten. Aber immerhin leben Märchen davon, dass Menschen trotz allem an das Gute glauben und auch in unwahrscheinlichen Fällen auf ein glückliches Ende hoffen. Das gilt nicht zuletzt auch für den Dialekt, weshalb der Klappentext des Originals mit den Worten endet: „Und wenn die Mundart noch nicht ausgestorben ist, dann lebt sie vielleicht auch noch morgen.“

Einen ehrenamtlichen Beitrag zum Erhalt des oberhessischen Dialektes leistet unser Geschichtsverein Lastoria seit 2012 mit Recherchen, Tonaufnahmen, Büchern, Online-Veröffentlichungen, vielfältigen Kooperationen und interaktiven Veranstaltungen.  Mittwochs ist weiterhin Märchentag im Blog mit neuen Geschichten off Pladd, die alle mit „Es woar èmo“ anfangen.

Kurzinfo:

Monika Felsing, „Es woar èmo, Oberhessische Mundartmärchen und wahre Geschichten“, 248 Seiten, 16 Euro, ISBN-13: 9783759713605, veröffentlicht bei Books on Demand (BoD) in Norderstedt, mit QR-Codes der Mundartaudios. „Es war einmal. Hessische Märchen und wahre Geschichten“, 248 Seiten, 16 Euro, ISBN-13: 9783759713490, veröffentlicht bei BoD, mit QR-Codes der Mundartaudios. Erhältlich sind die Bücher im örtlichen Buchhandel und beim Verlag. Die Honorare gehen an den Geschichtsverein Lastoria, Bremen.

 

 

Wellkomme oder nit wellkomme?

Haut end insenn Podcast „Edds foahnr merr… Ewwersee!“ off Doidsch: Dääl 6: Wellkomme oder nit wellkomme? È Froag, die Aaangsd mächd. Wie’s voom Oofangk voom 20. Joahrhonnerd oo schwiericher geworrn eas, ean die USA eansewannern.  Joa, sie kome, die miede, die Oarme, die geknechdede Masse, die sech dènooch sehne duh, frai sè oadme. Feannesse è nau Heemed oder werrn sè seregggeschùchd wie dè Siegfried Frank voo Nieder-Ohmen, den die Nadsies dann donnoch imgebroachd huh? Heasche Herbert voo Owenglie eas sè hirrn, äi voo senne Dechder, die Robin, on enner voo saine Enggel, dè Henry, die Ruth Stern voo Nieder-Ohme on dè Ernst Lothar Stern voo Diez oo dè Lahn.

Heute endet die deutsche Version unseres Podcasts „Jetzt fahren wir… Übersee!“.  Teil 6: Willkommen oder nicht willkommen? Eine bange Frage. Wie die Bedingungen der Einwanderung in die USA seit der Wende zum 20. Jahrhundert verschärft worden sind.  Ja, sie kommen, die müden, die Armen, die geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen. Die Elenden, werden sie zurückgewiesen an den belagerten Küsten Nordamerikas?  Jüdische Flüchtlinge wie Siegfried Frank aus Nieder-Ohmen, den die Nazis dann doch noch in Auschwitz ermorden werden?  Herbert Sondheim aus Ober-Gleen ist zu hören, eine seiner Töchter, Robin Smolen, und einer seiner Enkel, Henry Smolen, Ruth Stern Gasten aus Nieder-Ohmen und Ernst Lothar Stern aus Diez an der Lahn.

Today we finish our podcast „Now we go Overseas“ in German with part 6: Welcome or not welcome? A fearful question. How the conditions of migrating in the U.S. have changed since the beginning of the 20th Century. Yes, they come, the tired, the poor, the huddled masses, yearning to breath free. Will they be turned back at the coasts of North America? Jewish refugees as Siegfried Frank of Nieder-Ohmen, a passenger of the „St. Louis“, who has been murdered by the Nazis in Auschwitz? Herbert Sondheim from Ober-Gleen is to be heard, one of his daughters, Robin Smolen, and his grandson Henry Smolen, Ruth Stern Gasten from Nieder-Ohmen (Livermore) and Ernst Lothar Stern from Diez upon the Lahn.

Unser Geschichtsverein Lastoria dankt allen ehrenamtlich Mitwirkenden in Deutschland und den USA, Profis und Laien. Außerdem der Ahnenforscherin Susan Eldridge, geborene Badenhausen, die an der englischen Version mitgearbeitet und in Connecticut Regie geführt hat, und allen anderen, auf deren Recherchen wir aufbauen konnten. Unser mehrteiliger Podcast wird auch in schriftlicher Form veröffentlicht und um ein Literaturverzeichnis ergänzt. Alle Rechte vorbehalten. Öffentliche Aufführung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung von Lastoria.

Best wishes, alles Gurre, alles Gute,

Pauls Monika

Eine weitere Küchentischproduktion unseres Geschichtsvereins Lastoria mit Laien und Profis, die sich alle ehrenamtlich beteiligen.   Konzept, Regie, Schnitt und Montage: Monika Felsing. Aufnahmen: Justus Randt, Monika Felsing und einzelne Sprecherinnen und Sprecher. Gelesen haben diesmal in der Reihenfolge des Podcasts: Burghard Bock, Bremen, und Monika Felsing, Bremen und Ober-Gleen,  Mustafa Kour, Bremen und Kobane (Syrien), Werner Landwehr, Bremen, Heinrich Lintze, Bremen und Uschlag, Eggert Peters, Bremen und Duisburg, Kritika Thapa, Bremen und Nepal, Monika Felsing, Bremen und Ober-Gleen, Regina Dietzold, Bremen, Barbara Schellhorn, Bremen, Thoralv Dunkel, Bremen, Christine Renken, Bremen, Karoline Lentz, Bremen, Annegret Merke, Bremen und Helgoland. Musik: „Es Kälbche“, oberhessischer Coversong von Monika Felsing zur Melodie des Klezmerstückes „Dos Kelbl“ von Sholom Secunda (1940), gesungen vom Projektchor des Benefizkonzerts zugunsten von „Reporter ohne Grenzen“ bei den Alsfelder Kulturtagen 2022 in Zusammenarbeit mit Walter Windisch-Laube von der Musikschule Alsfeld. Am Klavier: Veronika Bloemers. Mitgesungen haben unter anderem Hans-Peter Klein, Bianca Haarich, Arnulf Triebel, Helmut Meß, Elisabeth Wagner, Regina Weller, Peter Jerabeck, Claudia Munsch, Monika Felsing, Anna Thum und Rebekka Bachmann. Traditionelles Sabbatlied: Veronika Bloemers (Ober-Gleen/Frankfurt am Main) am Klavier. „Bulbes Song“, Kartoffellied: ukrainisches, jüdisches Lied, Yale Strom (San Diego) auf der Violine, Nikolai Muck (Frankfurt am Main) auf der Gitarre, 2017 in der ehemaligen Synagoge von Ober-Gleen. Improvisationen aus dem Klezmer-Workshop 2019 in der Villa Ichon, Bremen, unter der Leitung von Yale Strom (San Diego/USA): Clive Ford, Edna Eversmeier, Till Eversmeier und David Hodgkinson von „Cladatje”, Ortrud Staude, Burghard Bock von „Paradawgma“ und Thomas Stapke. Beethovens Piano Sonate Nummer 3, Opus 2, gespielt von Henry Smolen, einem Enkel von Herbert Sondheim aus Ober-Gleen. E Meening/An Opinion: Coversong von Monika Felsing auf zwei Hymnen.

 

 

 

Die Bicherfrää on dè Lääseraddefängger

Die Bicherfrää Gerlinde.

Ean Laurerbach gidd woas sè Enn, on woas annersch fängd oo: Die Gerlinde hadd ihrn Bùchloare vèkääfd. Ech huh err è Märche gewidmed – ihr on dè Berudda hieh ean Bremè on viele annern Waibsloid onn Mannsloid, die emm Lääseraddefängger droddse on Bùchläre om Läwe haan. On ausgezaichend werrn fier doas, woasse duh! Doas all gidd nit elläi. Wie sääd die Gerlinde: Merr brouchd è Doaf dèzu. Oder è Schdadd. On wu sè hier eas, hirrder eam Märche.

In Lauterbach geht etwas zu Ende, und etwas anderes beginnt: Gerlinde hat ihren Buchladen verkauft. Ich habe ihr ein Märchen gewidmet – ihr und Beruta hier in Bremen und vielen anderen Frauen und Männern, die dem Leserattenfänger trotzen und Buchläden am Leben halten. Und ausgezeichnet werden für ihr Engagement! Das alles geht nicht alein. Wie hat Gerlinde gesagt: Man braucht ein Dorf dazu. Oder eine Stadt. Und wo sie her ist, hört ihr im Märchen.

In Lauterbach, something’s ending, and something else begins: Gerlinde has sold her bookshop. I have dedicated a fairy tale to her – to her and to Beruta here in Bremen and all those others who stand the contest with Amazon and keep bookshops alive. And they won prizes for what they are doing. This isn’t something that you can do alone. As Gerlinde has said: It needs a village. Or a town. And you’ll learn in this fairy tale where she is from.

Alles Gurre, alles Gute, all the best,

Pauls Monika

P.S.: Die Töne am Anfang und am Ende kommen von meiner neuen Tongue Drum.

È poar Woadde:

Bùch – Buch, book. Bichelche – Büchlein, little book. Bicher – Bücher, books. Gedichdbändche – Gedichtbändche, little book of poems. Bicherfrää – Bücherfrau, book woman. Iaschdausgoawe – Erstausgabe, first edition. Fillosoffiebùch – Philophiebuch, a philosophy book. Bùchloare – Buchladen – bookshop. Reddur – Retoure, nach dem französischen Verb retourner, zurückschicken, something that is returned to the producer. Im Buchhandel auch Remittende genannt, nach dem lateinischen Verb remittere, zurückschicken. Owendoier – Abenteuer, adventure. Widde mo woas hirrn? – Willst du mal was hören? Do you want do hear something? Lääse – lesen, read. Lääseraddefängger – Leserattenfänger, let’s call him Amazon. Kannabee – Sofa, couch. Kääfe – kaufen, buy. Kant – Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung, philosopher. Gekaand – gekannt, known. Schbeerer – später, later. Die Ällsd – die Älteste, the oldest one. Es aale Babaier – Altpapier, old paper that is collected in order to recycle it. Koazze Hesse – Kurze Hessen, alte Handelsstraße zwischen Frankfurt am Main und Leipzig, old route through Hesse, used by merchands. Keannerbùch – Kinderbuch, children’s book. Bibo – althochdeutscher Name, very old German name and also…. enn gruuse gääle Vochel – ein großer gelber Vogel, a big yellow bird. Ein paar Besonderheiten: Waldkappell (Capella) ist der alte Name von Grebenau, das an der alten Handelsstraße „Kurze Hessen“ und dem Knotenweg liegt, nachzulesen auf der Website von Grebenau. Die Endung naha ist keltisch und bedeutet, zum Beispiel bei Ortsnamen: am fließenden Wasser. Wie bei Glenaha (Gleen). Und die Nachfolgerin von Gerline ist ein Owelabbe: Sie kommt aus Wallenrod. Das Dorf kommt ja nicht nur in ein paar Märchen, sondern auch in einem Coversong vor.