MONIKA FELSING                   JOURNALISTIN     HISTORIKERIN     BUCHAUTORIN     HESSIN
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FROM BOOK ZUM BUCH


Bei meinen Recherchen zu „Himmel un Höll“ und „Schbille gieh un feiern“, dem dritten und vierten Band unserer Buchreihe über Ober-Gleen, und zu unserem  Projekt „Deutschland auf der Flucht“ ist mir mehr als ein Stern aufgegangen: Gleich vier Autorinnen mit Mädchennamen Stern und Wurzeln im Vogelsberg haben Bücher über das Schicksal ihrer jüdischen Familien in der NS-Zeit veröffentlicht.

Die Gedichte und Prosatexte von Hilda Stern Cohen sind erst nach ihrem Tod entdeckt und dank der Initiative ihres Mannes Werner Cohen, des Goethe Instituts Washington, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich veröffentlicht worden, auf Deutsch unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge“ und in englischer Übersetzung („Words That Burn Within Me“). Die gebürtige Nieder-Ohmenerin und ihre jüngere Schwester Karola hatten Auschwitz überlebt und waren nach ihrer Befreiung in die USA ausgewandert. Auch die Erinnerungen von Carol Stern Steinhardt (Karola Stern Steinhardt) sind der Nachwelt erhalten: als Zeitzeugeninterviews auf der Website des United States Holocaust Memorial Museum.


Ruth Stern Glass Earnest aus Diez an der Lahn, die Tochter von Johanna Lamm aus Ober-Gleen, kannte Karola aus ihrer Zeit im jüdischen Internat in Bad Nauheim. Sie hat die Schwestern nach dem Krieg in Washington Heights in New York getroffen (siehe Band 4). In „The Gate“, ihrer Autobiografie, hat sie das Wiedersehen geschildert. Die Autorin, Mutter zweier Söhne, Großmutter zweier Enkelinnen, hat als Lehrerin in New York gearbeitet und ist vor einigen Jahren gestorben. Ihr jüngerer Bruder Ernst Lothar Stern hat sich an unserem Ober-Gleen-Projekt mit einer Tonaufnahme und Familienfotos beteiligt. Eine deutsche Ausgabe von „The Gate“ wäre nicht nur für Diez an der Lahn, Ober-Gleen und Lauterbach sehr wichtig.


Bisher ist auch noch keine deutsche Übersetzung von Mathilda Wertheim Steins Büchern erhältlich, trotz aller Lauterbacher Bemühungen. „The Way it was. Jewish life in Rural Hesse”, ihr erster Band, ist ein monumentaler Beitrag zur Geschichte des jüdischen Landlebens. Mathilda Wertheim-Stein hat darin jüdische Traditionen geschildert, die in oberhessischen Dörfern nicht mehr gepflegt werden, weil die Menschen, zu deren Religion sie gehörten, von den Nationalsozialisten umgebracht worden oder aus den Konzentrationslagern und dem Exil nicht zurückgekehrt sind. Wenige der Gotteshäuser, in denen die Vorfahren von Mathilda Wertheim Stein gebetet haben, sind der Nachwelt erhalten: Während die Synagogen von Lauterbach und Alsfeld beim Pogrom vom November 1938 zerstört und die von Angenrod und Kirtorf nach dem Krieg dem Erdboden gleichgemacht worden sind, sind die in Romrod und  Ober-Gleen restauriert worden. In ihren Büchern hat die inzwischen verstorbene Autorin an jüdische Oberhessinnen und Oberhessen erinnert, die in der NS-Zeit verfolgt worden sind, beispielsweise auch an die Tante, den Onkel und den Cousin von Ruth Stern Glass Earnest, Rosa, Salli und Arthur Weinberg, die in Minsk ermordet worden sind. Drei Stolpersteine vor dem Lauterbacher Rathaus erinnern an sie. Die Flucht ins Ausland war fast die einzige Chance zu überleben, und für jüdische Familien, die in ihrer Heimat tief verwurzelt waren, lange Zeit undenkbar. Mathilda Wertheim Stein hat Lauterbach verlassen, bevor sie deportiert werden konnte. Sie ist als Zeitzeugin mehrfach zurückgekehrt (siehe auch Band 4 der Ober-Gleen-Reihe), hat in Schulen gesprochen und gemeinsam mit Elfriede Roth (siehe Archiv dieser Website) und Helmut Stöppler vor Jahrzehnten Erica Fischer („Himmelstraße”, „Over the Ocean”, „Aimée und Jaguar”) ein Radiointerview gegeben.

 

“My broken doll” (meine zerbrochene Puppe) erzählt eine weitere hessisch-jüdische Lebens- und Leidens-geschichte: Moritz Moses Stern aus Oberbreidenbach und seine Frau Rosa, geborene Gottlieb aus Grebenau, hatten bis 1936 ein Textilgeschäft in Lauterbach. Ihre Tochter Beate ist 1932 in der Kreisstadt zur Welt gekommen, drei Jahre später die Tochter Susanne (Susi) in Fulda. Die Sterns hatten gehofft, bei Verwandten in Karlsruhe in Sicherheit zu sein. Stattdessen wurden sie 1939 von der Gestapo abgeholt und 1940 in das Lager Gurs im besetzten Südfrankreich deportiert. Beate und Susi sind bis Kriegsende von einer französischen Hilfsorganisation versteckt worden und dann über England in die USA emigriert. Ihre Eltern sind 1942 in Auschwitz umgekommen, wie der ältere Bruder ihres Vaters, Adolf Stern, seine jüngere Schwester Klara Katz, geborene Stern, und seine Schwägerin Klara Stern, geborene Geis, aus Mardorf bei Marburg. Béatrice Stern Pappenheimer, die heute Bea Karp heißt, spricht seit 1967 mit Jugendlichen in Schulen über die Nazizeit. Sie hat Video-Interviews gegeben, die im Internet  auf den Seiten des United States Holocaust Memorial Museum zu finden sind, und 2016 gemeinsam mit ihrer Tochter Deborah Pappenheimer ihre Kindheitsmemoiren veröffentlicht. Deborah Pappenheimer, eine Kunstdozentin des University College of Design des Staates Iowa, hat die Erinnerungen ihrer Mutter außerdem in Bilder verwandelt, die eine eigene Sprache sprechen. Mittlerweile gibt es auch ein Theaterstück über das Schicksal der Sterns, das dank des Institutes for Holocaust Education in Schulen in Nebraska aufgeführt wird. Seit April 2017 sind wir in Kontakt. Mutter und Tochter würden gerne nach Deutschland kommen. Eine echte Chance für die Oberhessen und Karlsruher von heute, sie kennenzulernen und mehr von ihnen zu erfahren.

 

Und auch Ruth Stern Gasten aus Livermore (USA) ist eine gebürtige Oberhessin. In Nieder-Ohmen hat die Cousine von Hilda und Karola Stern ihre ersten fünf Lebensjahre verbracht. Im Januar 1939 haben ihre Eltern Joseph und Hanna Stern mit ihr Deutschland über Hamburg verlassen. Im Frühjahr 2017 habe ich ihr Buch „An Accidental American. Memories of an Immigrant Childhood“ in ehrenamtlicher Arbeit übersetzt und behutsam lektoriert, im regen Austausch mit der in Kalifornien lebenden Autorin. From book zum Buch sind viele Schritte zu tun. Unser Bremer Geschichtsverein Lastoria, Justus Randt, Joachim Hahn von Alemannia Judaica, Monica Kingreen von „Vor dem Holocaust“, Regina Pfeiff vom Nieder-Ohmener Kirchenvorstand, Uwe Langohr, Veronika Bloemers und andere begleiten das Projekt auf die eine oder andere Weise. Wolfgang Rulfs ist der Layouter, Erika Thies die erste Korrektorin. Freuen wir uns gemeinsam auf die deutsche Ausgabe: Ruth Stern Gasten ist „zufällig Amerikanerin“, Jüdin, Hessin und so vieles mehr. Vor allem aber ist sie ein wundervoller Mensch.



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